Isch kandidiere! …nicht mehr

Am Montag habe ich über Twitter eine kleine Bombe platzen lassen:

Ich werde auf dem kommenden Landesparteitag der baden-württembergischen Piraten am 3.3. in Heidenheim nicht für eine weitere Amtszeit im Landesvorstand antreten.

Ob das nun eine Bombe ist? Vielleicht ist es etwas übertrieben. Aber doch habe ich einiges an Feedback von Euch erhalten, die mir zeigen, dass wohl doch einige meine Entscheidung bedauern. Obwohl ich sehr gerne weiter im Landesvorstand tätig wäre, habe ich mich dagegen entschieden und möchte Euch meine Beweggründe etwas näher erläutern.

Meine Entscheidung basiert im wesentlichen auf zwei Säulen, mit unterschiedlicher Gewichtung:

Der parteiinterne Umgang miteinander

In den vergangenen 2 Jahren habe ich nahezu meine komplette Freizeit und noch darüber hinaus in die Arbeit mit und für die Piraten gesteckt. Auch wenn mir von manchen vorgeworfen wird, dass ich nicht genügend Initiative, vorallem als stellvertretender Vorsitzender, gezeigt habe, bin ich mir sicher, dass meine Arbeit hinter den Kulissen den Landesverband/-vorstand doch voran gebracht hat, oder einen Stillstand verhindert hat.

Ich bin es leid, dass der Vorstand in den letzten Wochen und Monaten nur noch mit Dreck beworfen wird, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird und im Zweifel einfach umgedreht wird und dem Landesvorstand wieder vor die Füße geworfen wird oder hinter jedem Versuch wieder Ruhe in den LV zu bringen gleich ein Vorstandsbeschluss, Ordnungsmaßnahmen oder Gängelung von einzelnen vermutet wird. Das ist die Situation im Land. Aber auch auf Bundesebene wird seit einiger Zeit aus jeder Mücke ein Elefant babylonischen Ausmaßes gemacht. Aber das ist ein Grundsatzproblem, dass die Piraten schon lange verfolgt: Wir beschäftigen uns zu viel mit uns selbst, anstatt mit unseren Themen. Wenn unser Bundesvorsitzender zu einer Stellungsnahme aufgefordert wird, nur weil zwei Piraten heiraten wollen, kann ich mir nur noch an die Stirn fassen. Sehr deutlich sehe ich das leider auch aktuell an meinem Stammtisch in Ulm. Man will viel, wenn man aber fragt wer macht gucken alle betreten sonst wohin. Auf diesen Kindergarten insgesamt habe ich, zumal unter erwachsenen Leuten, schlicht keine Lust mehr. Es ist inzwischen ein zu großer Motivationskiller für mich geworden.

Meine berufliche Zukunft bzw. mein Privatleben

Dieser Punkt ist aber der wichtigere. Ich will beruflich weiter kommen. Ich muss und will mich weiterentwickeln, kann dies aber nicht, wenn ich neben meinem Brötchenjob noch einen weiteren Fulltimejob mache, der meine restliche Zeit auffrisst. Eine Reduzierung der Zeit die ich für ein Amt aufbringe funktioniert nicht bei mir. Wenn ich Arbeit sehe, dann mache ich das eben. Ich kann es nicht liegen lassen, ergo mache es ich, bevor es liegen bleibt.

Auch muss ich meinem privaten Glück wieder etwas auf die Sprünge helfen. Wie den meisten wahrscheinlich bekannt sein dürfte, bin ich verheiratet und habe auch Kinder. Und die Drei hatten in den letzten Monaten wenig bis gar nichts von mir, was zu gewissen Spannungen zwischen mir und meiner EBH führte. Und hier muss ich sagen, dass meine Familie dann der Partei doch vorgeht. Und so bin ich zu dem Entschluss gekommen, auf dem nächsten Landesparteitag nicht mehr für ein Amt im Landesvorstand zur Verfügung zu stehen.

Auch für den bald in den Startlöchern stehenden Kreisverband Alb-Donau/Ulm werde ich nicht für ein Vorstandsamt zur Verfügung stehen. Ich brauche jetzt erstmal etwas Abstand von Amt und Würden, was aber nicht bedeutet, dass ich für die Piraten verloren bin, obwohl mein Frustrationslevel zugegebener Maßen derzeit recht ausgereizt ist.

So wie es derzeit aussieht, werden wir am 3. März in Heidenheim einen komplett neuen Landesvorstand wählen. Daher möchte ich Euch Piraten in Nah und Fern eines mit auf den Weg geben:

Denkt daran, dass alle Vorstände in der Piratenpartei ihren Job ehrenamtlich machen und dafür ihre Freizeit opfern, ihre Familien aufs Spiel setzen und im Zweifel vielleicht sogar ihren Job. Wir haben riesige Aufgaben vor uns und müssen diese mit ehrenamtlicher Arbeit stemmen. Lasst uns zusammenhalten und miteinander das erreichte festigen und unser Schiff weiter vorantreiben. Lasst uns unseren (sehr) vielen neuen Mitgliedern den Spirit der Piratenpartei zeigen, und nicht nur die hässliche Fratze des Streits. Tragt die Ziele der Piraten in die Partei hinein, denn ich glaube, dass viele unseren neuen Mitglieder seit der Berlinwahl überhaupt nicht wissen, wofür wir stehen und standen. Und das wäre schade wenn es verloren ginge und die Partei ihre Einzigartigkeit verlieren würde.

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5 Kommentare zu “Isch kandidiere! …nicht mehr
  1. Hi Carsten,

    ich möchte mich an dieser Stelle für die tolle Zusammenarbeit in den letzten beiden Jahren im Landesvorstand bei Dir bedanken. Wir alle waren (und sind es heute noch) ein super Team. Ich habe selten soviel gegenseitiges Vertrauen in einem Team erleben dürfen.

    Deine Beweggründe kann ich voll und ganz so unterschreiben. Mich plagen derzeit ähnliche Gedanken, auch wenn ich die Entscheidung noch nicht abschließend getroffen habe.

    Wenn man sich gerade jetzt Themen wie den Staatstrojaner und die vermutlich wiederkehrende Vorratsdatenspeicherung ansieht, ist es ganz klar, dass nur die Piraten dem etwas entgegen setzen könnten, wenn sie denn nur wollten. Nur anstatt hier mit voller Kraft weiter gegenzuhalten, wird sich intern verzettelt, zerstritten und zu Themen Aussagen getroffen, von denen man keine Ahnung hat. So versinkt man langfristig in der Bedeutungslosigkeit und macht sich unglaubwürdig.

    Ebenso wie Du bin ich geradezu schockiert vom Umgang untereinander, von der Kompromisslosigkeit und vom geradezu religiösen Eifer bei bestimmten Reizthemen.

    Danke für Deinen wirklich unermüdlichen Einsatz im Landesvorstand. Du bist quasi das organisatorische Rückgrat und über eine Landes-IT hätten wir nicht mal nachdenken brauchen, wenn Du nicht so viel Zeit investiert hättest.

    Ich hätte mir eine andere Entwicklung gewünscht, aber wenn man rund 20000 Leute zusammensteckt, die größtenteils nur die Unzufriedenheit eint, dann heißt das nun mal leider nicht, dass sie gezwungenermaßen danach alle auf derselben Seite kämpfen.

    Viele Grüße
    André

  2. NineBerry sagt:

    Hallo!

    Danke für deine tolle Arbeit. Ich kann gut nachvollziehen, dass du jetzt mal eine Pause brauchst. 🙂

    Neun

  3. stk sagt:

    Hatt’s dir ja schon am Montag gesagt/schrieben: Schad. Aber ich versteh’s voll und ganz. Und das mit der geistigen Gesundheit hatten wir ja schon zusammen mit Gunther 😉

  4. RAinPia sagt:

    Ahoi,
    verständlich, aber sehr sehr schade. Ich bin Fraktionsgeschäftsführerin der Piraten in einem Berliner Bezirk und richtige Mithilfe von unseren Piraten im Bezirk ist bis auf ganz wenige tolle Leute komplett weggebrochen. Wir hoffen, dass sich das wieder bessert, aber leider ist es so, dass viele anscheinend gerne reden, aber konkret einfach nichts beizutragen haben. Aber es ist immer noch zehnmal besser, dann wenigstens in einem kleinen Kreis die Entscheidungen treffen zu können, als einen ständigen Kampf mit Ignoranten zu führen, die wir glücklicherweise gar nicht haben.
    Gruß aus Berlin
    Also erhol Dich und komm bitte wieder zurück zu denen, die machen und nicht labern.

  5. Klischeepunk sagt:

    Was stk gesagt hat.

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